Seilziehen - was ist das?
Seilziehen ist ein Mannschaftssport. Zwei Mannschaften wetteifern miteinander an den entgegengesetzten Enden eines Seiles. Das Wesentliche des Wettkampfes besteht darin, dass eine Mannschaft die gegnerische 4 Meter weit zu sich hinzieht.
Eine Seilziehmannschaft besteht aus 8 Wettkämpfern (Ziehern), alle mit der Hand am Seil. Der hinterste Zieher der Mannschaft ist der Ankermann, er hält das Seil auch mit seinem Körper, da das Seil um Rücken und Schulter geschlungen ist.
Voraussetzung für die Seilziehsportart betreibenden Athleten ist gute allgemeine Tauglichkeit. Durchhaltevermögen und physische Kraft. Da von der Mannschaft während eines Zugs (pull) äusserste Zugkraft verlangt wird, geben sich die Wettkämpfer mit höchster physischer Kraft aus, was im allgemeinen die Dauer eines Zugs auf durchschnittlich ungefähr 3 Minuten beschränkt. Jedoch hat es an Welt- und Europameisterschaften schon bis zu fast 1 Stunde dauernde Züge gegeben, was von den Athleten überaus grosse Widerstandsfähigkeit verlangt.
Die Geschicklichkeit des Seilzieh-Sportlers besteht in der Fähigkeit, die Körpermuskulatur so zu gebrauchen, dass eine grösstmögliche biomechanische Hebelwirkung erzielt wird, damit beim Zurückziehen des Seils Zugkraft erzeugt wird.
Seilziehen ist vorrangig ein Teamsport. Die Wettkämpfer müssen über ein starkes Zusammenhaltsgefühl und Selbstdisziplin verfügen, um zu ziehen und zusammen zu arbeiten, damit sie ihre Körperkräfte zu einheitlicher Mannschaftsstärke vereinigen können.
Wie auch bei anderen Sportarten, wo Körperkraft ein wesentliches Element darstellt, ist auch beim Seilziehen die innere Einstellung des Wettkämpfers ausschlaggebend, um bis zur äussersten Grenze seiner physischen Möglichkeiten zu gelangen.
Zwar ist Seilziehen ein anstrengender Sport, speziell im internationalen Wettkampf, jedoch kann er von Sportlern und Sportlerinnen auf jeder Stufe ihrer körperlichen Entwicklung ausgeübt werden. Die Spielregeln sind einfach, daher umfasst er alle Stufen vom Erholungssport (Sport für alle) über den Wettkampf bis zur Höchstklasse im internationalen Wettkampf.
Auszug aus dem schweizerischen Reglement (Outdoor)
Platz
Der Wettkampfplatz muss eben sein, damit für beide Mannschaften die gleichen
Voraussetzungen geschaffen sind.
Länge: Mindestens 42 m
Breite: pro Wettkampfbahn ist eine Breite von 10 m einzuhalten, mindestens aber
20 m
Bodenmarkierung
Die Mittellinie am Boden ist zu zeichnen
An den Enden der Mittellinie sind Markierungsfähnchen einzustecken.
Tau oder Seil
Die Länge muss mindestens 32 m betragen
Der Seilumfang muss 10 - 14 cm betragen
Das Seil darf keine Knoten und Griffe aufweisen
Seilmarkierung
Mittelmarkierung: Genau in der Seilmitte, Farbe rot
Viermetermarkierung: Von der Mittelmarkierung auf beiden Seiten je 4 m,
Farbe weiss
Fünfmetermarkierung: Von der Mittelmarkierung auf beiden Seiten je 5 m,
Farbe blau oder grün
Der erste Athlet der Mannschaft hat das Seil immer und in jedem Fall hinter
der Fünfmetermarkierung zu fassen. Verstösse führen zu Verwarnungen.
Persönliche Ausrüstung
Schuhe
Sohle und Absatzkanten müssen gleichzeitig planeben auf eine Referenzfläche
aufliegen. Metallspitzen sind keine zugelassen.
Am Absatz sind nur Metallbeschläge zugelassen, die unten und seitlich
vollständig bündig mit dem Leder abschliessen.
Der Absatz muss kreisrund sein und darf an den Übergängen von den Geraden zur
Rundung keine Ecken aufweisen.
Dress
Jedes Team hat in einem einheitlichen Dress am Wettkampf teilzunehmen
Harz
Um den Griff am Seil zu erleichtern, ist die Benutzung von Harz erlaubt. Der
Gebrauch ist jedoch auf die Hände beschränkt.
Handschuhe
dürfen vom Athlet nicht getragen werden.
Team
Anforderungen
Jedes Team besteht aus 8 Seilziehern (Junioren 6), einem Coach und einem
Pfleger. Ersatzseilzieher sind nur in den speziell erwähnten Fällen erlaubt.
Gewicht
Die 8 Seilzieher zusammen dürfen das erforderliche Gesamtgewicht der
Gewichtsklasse, in der die Mannschaft den Wettkampf bestreiten will, nicht
überschreiten.
Gewichtsklassen
| bis 480 kg | Ultra Federgewicht | Frauen |
| bis 520 kg | Federgewicht | Frauen |
| bis 560 kg | Leichtgewicht | Frauen und Herren |
| bis 600 kg | Weltergewicht | Herren |
| bis 640 kg | Leichtschwergewicht | Herren |
| bis 680 kg | Halbschwergewicht | Herren |
| bis 720 kg | Schwergewicht | Herren |
| bis 800 kg | Superschwergewicht | Herren |
| über 800 kg | offene Gewichtsklasse | Herren |
| bis 450 kg | Juniorengewichtsklassen |
Wettkampfreglement
Punktvergabe
Vorrunde: In der Vorrunde werden pro Begegnung nur zwei Züge ausgetragen.
Gewinnt eine Mannschaft beide Züge erhält sie 3 Punkte. Bei einem
Unentschieden erhält jede Mannschaft 1 Punkt.
Finalrunde: In der Finalrunde, ab Halbfinal, werden pro Begegnung zwei Züge ausgetragen. Bei einem Unentschieden nach 2 Zügen muss ein Entscheidungszug durchgeführt werden.
Bereitschaft / Kommando
Aufnehmen des Seiles
Das Seil hat beim Aufstellen der Mannschaft, bis zum Kommando 'Seil auf', auf
dem Fuss des Seilziehers zu liegen.
Der Seilzieher darf das Seil nur nach Anweisung des Schiedsrichters vor dem
Kommando 'Seil auf' in die Hände nehmen.
Seil auf
Gleichzeitig mit dem Kommando 'Seil auf' hebt der Schiedsrichter seine
Arme vorwärts hoch bis in die Horizontale. Die Seilzieher ergreifen das Seil.
Spannen
Gleichzeitig mit dem Kommando 'Spannen' hebt der Schiedsrichter seine
Arme in die Schräghochhalte, die Handflächen nach innen gekehrt.
Die Athleten schlagen einmal den Absatz in den Boden und spannen das Seil.
Es dürfen vor dem Start keine absichtlichen Vertiefungen im Boden angebracht
werden.
Zentrieren des Seils
Durch entsprechendes Winken mit den Händen zeigt der Schiedsrichter den
Athleten die Richtung an, in die das Seil bewegt werden muss, damit die
Seil-Mittelmarkierung über die Linie am Boden zu schweben kommt. Trifft dies
ein, dreht der Schiedsrichter seine Handflächen nach aussen und gibt das Kommando
'Bereit'.
Pull
Nach einem kurzen Augenblick erteilt der Schiedsrichter das Kommando 'Pull',
unter gleichzeitigem Herunterschwingen der Arme. Die Athleten nehmen die
Ziehposition ein.
Gewonnener Zug
Ein Zug ist gewonnen, wenn die Viermeter-Markierung des Seiles über die
Bodenmarkierung gezogen wird, oder bei Disqualifikation des Gegners.
Ende des Zugs
Das Ende eines Zuges wird vom Schiedsrichter durch einen Pfiff signalisiert.
Gleichzeitig zeigt er auf die Siegermannschaft.
Verwarnungen
Griff am Seil
Das Seil muss immer mit beiden Händen gehalten werden, und zwar vor dem
Oberkörper.
Seilführung am Körper
Das Seil muss unter der Achselhöhle gleiten können. Klemmen des Seiles mit
dem Oberarm ist nicht toleriert, wenn dies durch Aufstützen des Ellbogens auf
dem Oberschenkel herbeigeführt wird.
Seilhaltung am Arm
Das Seil darf nicht um den Arm geschlungen werden.
Haltung der Arme
Das Seil darf nicht mit gekreuzten Armen gegriffen werden.
Schutzkleidung
Die eingenähte oder separat getragene Schutzkleidung darf, auch beim Ankermann,
maximal (dickste Stelle) 5 cm betragen.
Die separat getragene Schutzkleidung muss von allen Athleten unter dem Dress
getragen werden.
Der Gurt mit Schnalle wird über dem Dress getragen.
Seilhaltung des Ankermannes
Der Ankermann fasst das Seil wie folgt:
Das Seil kann direkt unter der Schulter oder auch weiter unten entlang dem
Körper geführt werden.
Es muss über den Rücken diagonal zur anderen Schulter und vorne unter der
Achselhöhle zurückgelegt werden.
das Seilende muss frei nach unten fallen und darf nicht verknotet werden.
Die Hände müssen vor dem Körper mit Griff nach oben gehalten werden.
Das Herunterdrücken des Seils mit der Hand ist zur Korrektur der Seilposition
und zum Schutze von Verletzungen erlaubt, doch muss die Hand nach der Korrektur
der Seilposition wieder nach vorne gehalten werden.
Das Seil darf weder im Dress eingedreht noch im darunter getragenen Polster
und/oder Kraftgürtel verkeilt werden.
Ziehposition
Füsse vor Knien
Während dem Zug sind beide Füsse immer vor den Knien. Somit darf kein Zieher
aufrecht im Seil stehen und dieses heben.
Absitzen auf Boden und Schuhe
Es darf nicht auf die Schuhe des Hintermannes abgesessen werden.
Ausrutschen, Ausgleiten
Verliert ein Zieher die vorgeschriebene Ziehposition, hat er sich sofort wieder
in reglementarisch richtige Stellung zu begeben (z. B. bei Ausrutschen und
Ausgleiten).
Abstützen
Seitliches Abstützen mit der Hand ist nicht erlaubt.
Rudern
Kurzes Absitzen mit gleichzeitigem Anziehen der Beine wird nicht toleriert
(Pulling on the ground).
Der Seilziehwettkampf ist aus antiken Zeremonien und Kulthandlungen entstanden. Genau wann und wo das war, darüber ist nichts Bestimmtes bekannt. Anzeichen dafür, dass Seilziehwettkämpfe bei rituellen Zeremonien ausgeübt wurden, findet man in verschiedenen Ländern, z.B. in Burma, Halmahera, Indien, Borneo, Korea, Hawaii, und Neuguinea. Das Seilziehen stand als Symbol für verschiedene mystische Kräfte, wie z.B. für die Überwindung des Bösen im Kampf zwischen Gut und Böse bei Beerdigungsfeierlichkeiten, für die Wettervorhersage sowie für die Aussichten auf eine reichliche Ernte. Nicht nur in asiatischen Ländern, sonder auch aus Afrika (Kongo) und Amerika (Eskimos) sowie aus Ozeanien (Neuseeland) liegen Überlieferungen über Seilziehen als Rituale vor.
In der späteren Geschichte blieb das Seilziehen nicht mehr nur auf rituelle Zeremonien beschränkt, sondern entwickelte sich zum reinen Kräftemessen. Nachweislich wurde schon im Jahre 2400 v.Chr. Seilziehsport betrieben, wie aus Wandzeichnungen, die man im Grabmal des Merera-ku in Sakkara (Ägypten) entdeckt hat, ersichtlich ist. Schon um 500 v.Chr. wurde der Seilziehsport in Griechenland, der Wiege der antiken Olympischen Spiele, ausgeübt. Das Seilziehen wurde von Athleten entweder als Wettkampf oder für die körperliche Ertüchtigung im Training für andere Sportarten betrieben. Wie in der späteren Geschichte überliefert wird, wurden im 12. Jahrhundert Seilziehwettkämpfe an chinesischen Kaiserhöfen veranstaltet. Im 13. und 14. Jahrhundert haben, wie festgestellt werden konnte, auch in der Mongolei und der Türkei solche Arten von Wettkämpfen stattgefunden.
Im westlichen Europa ist das Seilziehen erst vom Jahr 1000 an nachweisbar, und zwar aus skandinavischen und germanischen Heldensagen aus jener Zeit, die von den sogenannten 'kräftigen Spiele' handeln. Im 15. und 16. Jahrhundert erscheint das Seilziehen auf den Turnieren in Frankreich und Grossbritannien. Zu jener Zeit finden auch die Regeln für den Sport mehr Beachtung; Die Mannschaften wurden aus jungen Männern mit gleichem Gewicht zusammengestellt.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam in Europa der 'organisierte Sport' auf, wie man das heute nennt. Zunächst auf Klub-Ebene, dann entwickelte er sich aber allmählich auf breiterer Basis und führte schliesslich zur Gründung von Verbänden und Klubverbänden. In Grossbritannien wurde beispielsweise 1880 der Amateur-Leichtathletik-Verband gegründet. Zu jener Zeit wurden auch in anderen Ländern nationale Verbände für Leichtathletik und Fussball gegründet. Die Leichtathletikdisziplinen der damaligen Zeit waren: Laufen, Springen, Gewichtheben und Seilziehen. Als geregelter Sport noch in den Kinderschuhen steckte, waren auch die Seilzieh-Spielregeln nicht allzu klar und auf jeden Fall nicht in allen Ländern gleich formuliert. In einigen Ländern bestanden die Mannschaften aus vier, während in anderen die Wettkämpfe mit 8 Mann pro Mannschaft ausgetragen wurden. Seilziehtechniken, die damals als fair und wertvoll galten, würden heutzutage gegen die Regeln verstossen.
Seilziehen an den Olympischen Spielen
Während in Europa der Sport immer mehr organisiert wurde, erweckte Baron von
Coubertin die Olympischen Spiele nach dem Muster der antiken Spiele in
Griechenland zu neuem Leben. Zu Beginn der Olympiade der Neuzeit standen alle
Disziplinen des Leichtathletiksports jener Zeit, einschliesslich das Seilziehen,
auf dem Programm. Das Seilziehen blieb von 1900 bis 1920 auf dem Programm. Nach
1920 wurde Seilziehen durch Mehrheitsvotum bei einer Abstimmung im IOC vom
Programm gestrichen, um eine Reduktion der Teilnehmerzahl an den Spielen zu
erreichen. Die damalige Entscheidung unterbrach vorübergehend die weitere
Entwicklung des Seilziehens auf internationaler Ebene.
Die Tatsache, dass Seilziehen nicht mehr auf dem Programm der Olympischen Spiele figuriert, hatte glücklicherweise nicht das Ende des Seilziehsports zur Folge. Auf der ganzen Welt blieb Seilziehen als Sportbetätigung bestehen. Innerhalb der Leichtathletikverbände war Seilziehen immer noch eine athletische Disziplin und bei verschiedenen Anlässen wie z.B. Jahrmarkt- und Sportfesten war das Seilziehen ein beliebter Wettkampf zwischen Dörfern. Da die nationalen Leichtathletikverbände sich nicht besonders um die Seilziehdisziplin kümmerten, hielten die Mannschaften es für nötig, eine eigene und unabhängige Organisation für den Seilziehsport zu gründen. Der älteste Seilziehverband ist der 'Svenska Dragkamp Förbundet', der 1933 gegründete dänische Seilziehverband. Andere europäische Länder folgten diesem Vorbild; So wurde 1958 der Seilziehverband von Grossbritannien gegründet, ein Jahr später, 1959, folgte die Gründung des niederländischen Seilziehverbandes.
Internationale Seilziehföderation
Nachdem das Seilziehen vom Olympischen Programm gestrichen worden war,
verschwand auch die Möglichkeit internationaler Wettkämpfe. Nach der Gründung
der Nationalen Seilziehverbände wuchsen der Wunsch und die Notwendigkeit für
internationale Wettkämpfe stetig. Die Initiative zur Gründung einer
internationalen Föderation wurde 1960 von George Hutton vom Verband
Grossbritannien ergriffen. Zusammen mit Vertretern des schwedischen Verbandes
wurde die Idee verwirklicht. Die erste Versammlung der Tug
of War International Federation, TWIF, fand 1964 anlässlich der Baltischen
Spiele in Malmö statt. 1965 wurden die ersten Europameisterschaften in Crystal Palace in London durchgeführt und 1975 die ersten Weltmeisterschaften, nachdem
nicht europäische Länder der TWIF beigetreten waren.
Seilziehen in der Schweiz
Die ersten Gehversuche der Schweizer Seilzieher gehen auf das Jahr 1964 zurück.
Der am 25.2.1983 verstorbene Fugi Fuchs kam erstmals beim Besuch der Baltischen
Spiele mit dieser Sportart in Kontakt. Unverzüglich nach seiner Rückkehr
begann er mit dem Aufbau in der Schweiz. Bereits ein Jahr später nahm eine aus
Boxern und Eishockeyanern bestehende Schweizer Delegation an den
Europameisterschaften teil.
Kurze Zeit später begann man sich zu spezialisieren. In Engelberg und
Beckenried wurden Seilziehclubs gegründet. Mit der Gründung des Seilziehclubs
Sins fasst diese Sportart auch im aargauischen Freiamt Fuss. Am 14.5.1976 wurde
der Schweizer Tauziehverband
(STV) gegründet, welcher am 3. November 1979 in den Schweizerischen
Landesverband für Sport (SLS) aufgenommen wurde. Dem STV gehören heute 28
Seilziehklubs mit über 1800 Mitgliedern an, wovon rund 450 lizenzierte
Tauzieher.
Schwerpunkte des Seilziehens sind die Innerschweiz, das Freiamt und die
Ostschweiz. Aber auch im Raum Bern wird kräftig am Seil gezogen.